Heidedistanz 2016 - von Anne Koch

Sächsische Reiterin im Mondlicht der Lüneburger Heide gesichtet…
Von Anne Koch

Die schweren Klassen im Springen, Dressur und Geländeprüfungen sind die höchsten Herausforderungen im klassischen Reitsport. Nur wenige Reiter und Pferde schaffen es in ihrer Laufbahn, sich erfolgreich in diesen Wettbewerben zu präsentieren. Die Königsdisziplin im Distanzsport ist der sogenannte Hundertmeiler mit einer Rittstrecke über von 160km, die vom Reiter-Pferd-Paar an einem Tag in ansprechender Verfassung absolviert werden müssen.

Auf den Höhepunkt ihrer bisherigen Distanzkarriere, der 43. Heidedistanz am 16. Juli 2016, haben Friederike Schwarz und ihre Warmblutstute Mona Lisa mit intensivem Training hingearbeitet. Im 3. Jahr in Folge wollten sie es schaffen: den ersten Hundertmeiler knacken! Friederike ist 32 Jahre alt und sitzt seit ihrem 6. Lebensjahr im Sattel. Nach der reiterlichen Grundausbildung hat sie einige Erfahrungen auf Dressur- und Springturnieren gesammelt. Mit ihrem Pferd Mona Lisa ist sie seit 2011 erfolgreich im Distanzsport unterwegs. Die Schimmelstute ist ein 2004 in Sachsen gezogenes Deutsches Sportpferd. Vater: Festival Westfalia (Westfale), Muttervater: Legato (Holsteiner).
Die Heidedistanz ist der älteste Hundertmeiler Deutschlands. Die Strecke schlängelt sich von Süd (Feuerschützenbostel Nähe Celle) nach Nord (Brackel 30 km vor Hamburg) durch die Lüneburger Heide, weswegen er auch der „Ritt von Hannover nach Hamburg” genannt wird. Seitdem der Rechtsanwalt und Pferdeliebhaber Dr. Kurt Seegers von den sogenannten „100-Meilern“ in den USA gehört hatte, begleitete ihn die Vision, solch einen Ritt auch in Deutschland zu realisieren. Der Start sollte in seiner Heimatstadt Hamburg erfolgen. Nach einer Strecke von 160 km, was in etwa 100 Meilen entspricht, würden die Reiter in Hannover ihr Ziel erreichen. Nach einem Proberitt im Jahre 1973, bei dem er die damals unvorstellbare Strecke innerhalb von 3 Tagen bewältigte, wagte Seegers im Folgejahr das Bravourstück und veranstaltete die erste „Heidedistanz“. Seitdem findet der Ritt jährlich statt und entwickelte sich zu einem festen Termin im Kalender der deutschen Distanzreiter. Die Gesamtstrecke beträgt auch heute noch 160km und muss innerhalb von 24h absolviert werden. Ab 80km hat der Reiter aller 20km die Möglichkeit freiwillig innerhalb der Wertung den Ritt zu beenden. Damit sind perfekte Voraussetzungen gegeben, um zu schauen, wie weit man mit seinem Pferd kommt.

2016 haben sich 34 Reiter-Pferd Paare dieser Herausforderung gestellt. Pünktlich um Mitternacht wurden die Pferde im Fackelschein auf die lange Strecke gestartet. Die ersten Kilometer werden durch die vom Vollmond beleuchtete Nacht geritten. Fast schon gespenstisch tauchen immer wieder die kurz zuvor als Markierung aufgehängten Knicklichter in den Bäumen auf. Das erzeugt bei den meisten Reitern schon vorher ein kribbeln im Bauch, da das reiten durch absolute Dunkelheit schon eine ungewohnte Herausforderung darstellt. Gespannt reitet man durch den Frühnebel in die aufgehende Sonne. Nach Sonnenaufgang wird die Schönheit dieses einzigartigen Naturschutzgebietes erst richtig sichtbar und die Reiter genießen Kilometer für Kilometer.
Die markierte Rittstrecke führt anfangs vor allem durch bewaldetes Gebiet und später inmitten durch die einzigartige Heidelandschaft. Die Bodenverhältnisse gelten vor allem durch tiefe sandige Streckenabschnitte als anspruchsvoll, so dass mit Köpfchen und immer auf das Wohl des Pferdes bedacht geritten werden muss. Auf der Strecke gibt es in regelmäßigen Abständen Tierarztkontrollen bei denen die Pferde sehr genau untersucht werden und nur wenn alle Parameter wie Puls, Muskeltonus, Kapillarzustand usw. stimmen, darf der Ritt fortgesetzt werden. Ab 80 Kilometern gibt es zusätzlich einen RE-Check nach jeder Pause, bei dem die Pferde vor dem weiterlaufen auf der Strecke erneut die Freigabe der Tierärzte erhalten müssen.

Friederikes Stute Mona Lisa bewältigte die Strecke mit großer Lauffreude in einem kontinuierlich frischen Trabtempo in Kombination mit lockernden Galopppassagen. Sie präsentierte sich den Tierärzten stets mit sehr guten Pulswerten und in einer fitten körperlichen Verfassung. Ständig professionell betreut von ihren zwei Trossern (Helfer auf der Strecke) passierten die beiden auch den letzten Kontrollpunkt bei circa 140km anstandslos und überquerten unter dem Beifall der Tierärzte, Teammitglieder und Helfer 18:26 Uhr überglücklich das Ziel. Vergessen waren Müdigkeit und die Strapazen der langen Strecke und die Reiterin fiel ihrem Pferd vor Stolz und Dankbarkeit um den Hals. Die reine Reitzeit ohne Pausen betrug 14h und 26 Minuten, die einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 11.09 km/h über die 160km entsprechen. Damit kam die sächsische Distanzreiterin aus dem Stall von Tögels in Oberfrauendorf gemeinsam mit einer Mitreiterin als drittes Paar ins Ziel. Insgesamt haben es in diesem Jahr 10 Reiter mit ihren Pferden geschafft, die komplette Strecke zu absolvieren. Doch ob sich die Anstrengungen am Vortag wirklich „gelohnt” haben, zeigt sich erst jetzt am Sonntag mit der finalen Nachuntersuchung. Alle Pferde müssen noch einmal den kritischen Augen der Tierärzte vorgestellt werden. Erst wenn die Daumen von allen drei Tierärzten nach oben zeigen, ist das Abenteuer Heidedistanz bestanden. Mona Lisa zeigte sich auch am Folgetag in ansprechender Verfassung und schenkte ihrer Reiterin damit den vierten Platz in der Gesamtwertung.

Herzlichen Glückwunsch an Friederike Schwarz und Mona Lisa!
Zurück